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Dienstag, 31. Mai 2016

Grundgütiger


"Ich weiß jetzt auch nicht, wer Vertretung macht…. hm. Es würde Ihnen doch nichts ausmachen kurz aufzupassen, oder?"

"Äääääh…."

"Prima!"

Die Tür schließt sich.

Ich transpiriere und überlege. Mathe? Super Idee! Ich lass die Kinder einfach ein paar Aufgaben an der Tafel lösen! Perfekt.

Hm. Wie lange würde es wohl dauern bis sie mich enttarnen und herausfinden, dass ich nix kann? Ich verwerfe die Idee.

Sophia muss aufs Klo, teilt sie mir mit. Ich nicke. Zwei andere Mädchen müssen plötzlich auch. Na gut.

Ich könnte Galgenmännchen mit ihnen spielen! Grandios, das bekomm ich hin. Ich suche Kreide.

Ein Junge mit dicken Brillengläsern kommt auf mich zu, streckt mir ein Buch entgegen und fragt, wann er es in der Schulbücherei abgegeben kann. Keine Ahnung. Es kruschtelt links und rechts und hinten und vorne und ganz viele Bücher werden mir entgegen gestreckt. Stimmengewirr. Ich will heim.

Es klopft, ein Kopf lugt ins Zimmer. "Kommt gleich jemand! Gleich." 

Ich suche immer noch die Kreide.

Ein Junge mit Gel in den Haaren berichtet mir, dass er vier Zecken am Sack hatte. Er fasst sich mit leidvollem Gesichtsausdruck in den Schritt, ich gucke mitleidig und tätschle ihm den Kopf. Er lächelt.

Kreide. Hab sie gefunden.

Justus fällt geräuschvoll vom Stuhl und reißt seinen Ranzen mit um. Der Inhalt rollt über den Fußboden. Die Jungs applaudieren, Justus grinst und die Mädchen verdrehen die Augen. Ach Mensch, ich hab doch heut frei! Und Gel an der rechten Hand.

Die Tür geht auf. Eine ältere Dame, vielleicht sieht sie auch nur alt aus, gut möglich, entschuldigt sich und schildert mir von ihrer Orientierungslosigkeit und den vielen Fluren und veränderten Plänen und überhaupt.
Sie kommt auf mich zu und streckt mir ihre Hand entgegen. Was soll ich machen, ist halt so Brauch. Sie bedankt sich, wir schütteln Hände, sie guckt komisch, ich wünsche ihr noch viel Spaß und komm, geh mir fort. Nix wie heim.


Montag, 30. Mai 2016

lädt


Das Kassenband sieht aus wie Sau. Unter der Tastatur, dem Bondrucker, der Handscanner, schlimm. Hinter dem Utensilienkörbchen flockt der Staub. Ich kann so nicht arbeiten. Ich will so nicht arbeiten. Ich darf so eigentlich  auch nicht arbeiten. Kassiererinnenanweisung. Drauf geschissen, juckt keinen Menschen. Zwei Wochen Urlaub hinterlassen Spuren. Was soll´s, mach ich´s halt.

Ich überprüfe, ob die Angebote richtig in die EDV eingepflegt wurden. Montagsaufgabe. Ich kopiere und verteile anschließend die aktuellen Angebote an meiner und den anderen Kassen. Damit die nachkommenden Kolleginnen problemlos starten können.

Ich bin freundlich, grüße und wünsche jedem einen schönen Tag. Ich muntere Griesgrame auf, scherze mit Stammkunden und bin stets kundenorientiert. Den zu unterschreibenden EC-Beleg lege ich im richtigen Winkel aufs Band. Ich achte zuvor darauf, ob der Kunde Links- oder Rechtshänder ist. Ich reiche ihm den Kugelschreiber perfekt ausgerichtet. Ich erinnere an Rabattaktionen und frage nach der Kundenkarte. Ich interagiere mit Kindern und halte, wie auch mit Erwachsenen, stets Blickkontakt.

Ich erkundige mich, bei wenig Betrieb, nach dem jeweiligen Befinden der anwesenden Kollegen. Ich halte mich aus Tratschereien raus und vermeide Gespräche in Sachen Flüchtlingsthematik. Meine Meinung habe ich kundgetan, nicht jeder kann mich leiden, es widert mich an, ich hasse Menschen.

Ich ermuntere passionierte aber verunsicherte Kleingeldkruschtler zum Kruschteln und zwinkere den nachfolgenden Ächzern und Augenverdrehern beschwichtigend zu. Ich mache Komplimente und informiere dezent über offene Hosenställe oder Lippenstift auf den Zähnen.
Ich telefoniere mit diversen Abteilungen und beantworte Kundenfragen. Arschlöcher schicke ich direkt an die Info.
Ich tippe und scanne und tippe und scanne und tippe und  scanne und irgendwann hab ich Feierabend.

Und dann steige ich in mein Batmobil und fahr heim. 

Montag, 23. Mai 2016

Sonntag, 22. Mai 2016

wenn ich du wär´, wär´ ich lieber ich - trotzdem


Na super. Was mach ich jetzt? Ich kann so tun, als hätte ich sie nicht bemerkt.

Würden sie nicht glauben.

Andererseits, es sind Männer. Juckt die vermutlich gar nicht. Ich überlege, ob ich ein Foto davon machen und dem Chef schicken soll. Entschuldigung, ich kann nicht, hab `ne Phobie, könnten Sie vielleicht?

Hm.

Drauftreten ist keine Option, ich liebe Schuhe. 

Vorne an der Tür hockt auch eine. Schon seit ein paar Wochen. `Ne kleine. Die sieht man so gut wie gar nicht. Die hier schon.

Mein alter Chef fällt mir ein. "Alex, was würdest du tun, wenn ich jetzt gerade nicht da wäre und du mich nicht fragen könntest? Such nach einer Lösung und entscheide!"

Ich hasse Entscheiden. Meinen ehemaligen Chef auch. Na, ein bisschen. Wird besser mit den Jahren. 

Aber ich mache den ganzen Tag ja eigentlich nichts anderes.

Also steige ich halt in den Fahrstuhl, fahre nach oben, hole den Staubsauger, fahre wieder nach unten, Stecker rein und Vollgas.

Weg ist sie, hat tatsächlich ins Rohr gepasst, da schau an, die Ecke sieht super aus, ich geh gleich mal noch nach vorne, an die Tür, Pech gehabt, ich bin grad in Stimmung, weg ist auch die, prima, ich bin zufrieden.

Das bin ich hinterher nahezu immer. Entscheiden, umsetzen, zufrieden.

Hab mir gedacht, ich schreib das mal auf. Damit ich es nicht vergesse.

Manchmal wünschte ich, ich hätt´ `ne Kröte zum dran lecken. 

Sonntag, 15. Mai 2016

7x7


"Du arbeitest also in einer Großbäckerei? Das ist ja interessant."

"In einer zertifizierten!"

"Wunderbar. Ich wollte nämlich immer schon mal jemanden etwas fragen, der in einer Großbäckerei arbeitet."

"Was denn?"

"Rennen da nicht überall furchtbar viele Mäuse rum, bei dem vielen Mehl?"

"Ja schon…. aber wir haben das im Griff. Sind halt klein, die Viecher. Passen unter jeden Schrank, unter jede Maschine, die verkriechen sich. Aber wir haben das im Griff."

"Das freut mich."

"Und Kakerlaken haben wir im Moment auch nicht so arg viele."

Freitag, 13. Mai 2016

Nerven


Hocken zwei Weiber und ein griechischer Zwergpinscher auf dem Sofa.

Fragt die eine:

"Warum knabbert sie an meinen Händen?"

"Sie hat Hunger. Ich hab das Füttern eingestellt, sie muss schrumpfen."

"Du bist lustig. Und guck, jetzt leckt sie an meinen Fingern…. ich hab irgendwo gelesen, dass Hunde spüren welches Körperteil krank ist."

"Kannst du es fühlen? Und spürst du die Wärme?"

Sie lächelt. Und sie nickt.

"Ich fange mir jeden Tag einen Marienkäfer und lasse ihn eine Weile über meine Hände krabbeln.... die kann ich auch spüren."



Donnerstag, 12. Mai 2016

so ist das


Bei Ikea dürfen jetzt Hunde mit in den Laden.

Bei Obi auch.

Brauch ich das? Nein.

Gibt jetzt auch Campingplätze, auf denen Kinder nicht erwünscht sind.

Restaurants, Schwimmbäder und Saunalandschaften handhaben das mitunter ja schon eine ganze Weile so.

Stört mich das? Nein.

Was will uns dieser Post sagen? Keine Ahnung.

Ich hab letztens ne Frage gestellt bekommen: "Alex, wo siehst du dich in fünf Jahren?"

Eine sehr gute Frage.

Deshalb hab ich sie ganz, ganz vielen Menschen ebenfalls gestellt. Also Menschen, die grad nicht so in ihrer Mitte sind.

Nun ja. 

Ich zumindest hatte eine Antwort auf diese Frage. Immerhin. 

Ist das wichtig? Find schon, ja.

angeknipst


"…. wenn ich nicht verheiratet wäre und kein Kind hätte…. ach Alex…. das bleibt unter uns, ja?"

Selbstverständlich bleibt es das. Ich bin `ne gute Freundin. Ich höre zu, verstehe, werte nicht, helfe und halt´s Maul.

Sie ist früh dran. Früher als der Schnitt.

Ich lächle.

Wer hat das seinerzeit eigentlich erfunden, das mit der Ehe? Hm. Egal. Es ist, wie es ist.



Mach dir keinen Kopp, kann auch gutgehen. 

Montag, 9. Mai 2016

Jesus, Maria….


"Sag mal, kann das sein, dass die nochmal gewachsen ist?"

"Nein."

"Ich glaub schon."

"Nein."

"Die sieht irgendwie grösser aus."

"Nein."

"Soll ich schnell messen?"

"Nein."

"Ich hol mal den Zollstock, ich will das jetzt wissen."

"Lass es."

"Haben wir gleich, Moment."

"Falls sie gewachsen ist, sag mir nichts, ich will´s nicht wissen.

Und?

Jetzt sag halt!

Wie hoch ist dieses Viech?

Jetzt sag was!

Grins nicht so saublöd und sag halt was!"


Sonntag, 8. Mai 2016

heute, im Park


"Schatzi, hast du die Störche schon gesehen?"

"Ich seh nix."

"Jetzt guck halt mal hoch! Überall Störche! Oh, wie toll!"

"Ich seh nix."

"Guck halt hoch!"

"Nix, seh ich."

"Weil du halt, guck, da ist schon wieder einer!"

"Ich seh nix", sagt's und schiebt den Zwillingskinderwagen. Blick gen Boden gerichtet. 

Freitag, 6. Mai 2016

na, dann is´ ja gut


"Oh, Sie haben was Größeres vor, wie´s ausschaut!"

"Nur eine kleine Feier."

"Geburtstag?"

"Ja."

"Ihrer?"

"Genau. Übermorgen."

"Oh, wie schön! Da wünsche ich Ihnen ganz viel Spaß!"

"Na ja…. halt schon wieder ein Jahr älter."

"Wie alt werden Sie?"

"Achtundsechzig, meine Güte."

"Sie sind doch topfit…. und obendrein ein Schelm. Sie wirken sehr viel jünger als achtundsechzig, entspannen Sie sich."

"Na ja…. mit Verlaub, Sie wirken auch nicht mehr wie einundzwanzig."

"Das war jetzt aber nicht gerade ein Kompliment…."

"Doch, das war es."

Dienstag, 3. Mai 2016

ich geb mir echt Mühe


"Haben Sie `ne Kundenkarte?"

"Nein."

"Warum denn nicht?"

"Was hätt´ ich davon?"

"Nichts. Aber Ihr Einkaufsverhalten könnte wunderbar analysiert werden. Sie würden dadurch Arbeitsplätze sichern!"

"Woher weiß ich, dass der Typ, der mein Einkaufsverhalten analysiert, nicht ein Depp ist und ich vielleicht gar keine Lust habe seinen Job zu sichern?"

"Gutes Argument."

"Sehen Sie. Wenn ich natürlich mit der Karte alles zum halben Preis bekäme…."

"Ich red mal mit dem Chef."

"Hm. Aber Geld hab ich ja eigentlich genug…. ich bin immer noch nicht überzeugt."

"Sie machen es mir nicht einfach."

"Tja."

"Unsere brasilianische Praktikantin könnte Ihnen ab sofort Ihre Einkäufe ins Auto tragen, wär das was?"

"Her mit dem Formular!"