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Mittwoch, 31. August 2016

blitzschnell und fesch


Ich setz mich an die Kasse und guck mir meine Nägel an. Schlimm. Ich muss heute sehr schnell tippen, das steht fest. Dann fällt es nicht auf, dass an manchen Stellen der Lack splittert. Flash. 

Vor mir steht ein Stinker. Ich will ihn gerne fragen, warum er nicht duscht. Oder seine Kleider wechselt. Ob er das nicht eklig findet. Ob er denn nicht merkt, wie er stinkt.
Ich seh schon, das wird ein sehr spannender Post.

Eine älteres Paar kommt an meine Kasse. Ich mach der Dame ein Kompliment. Super Oberteil. Das fällt unglaublich gut. Und sie hat alles schön in die richtige Position gezurrt, wunderbares Dekolleté. Ihr Mann merkt empört an, dass er ja wohl auch schick sei, heute, und ich das ruhig auch würdigen könne. Er hat ein rosa Hemd an, was soll ich sagen. Nix. Also lächle ich.

Ein Thorsten bezahlt bei mir. Mit h. Was der ohne wohl macht, frag ich mich. Hab ja die Kommentarfunktion stillgelegt. Hm. Schick mir ne Mail. Ich will ein Foto von dir: sattelklauer@yahoo.de

Ich erzähle meiner Kollegin, dass ich ne neue Lampe habe. Mit Kettenzuganknipskettendings. Wie in Schottland. Juckt sie nicht.
Wird immer länger, der Post.

Ein Italiener kommt in den Laden und spricht mich an. Ich verstehe ihn nicht. Er ist südländisch fröhlich und lacht und plappert und hüpft und ich will ihn schlagen. Mein Kollege kommt und rettet mich. Der kann nicht nur türkisch, sondern auch noch ein bisschen italienisch. Super Typ.

Ein Mann erklärt mir…. war heute nur ne Fünfstundenschicht, kann also nicht mehr lang gehen. Er erklärt mir, dass ich ihn jetzt ein paar Wochen nicht sehen werde. Ach, sag ich. Er fliegt jetzt nämlich vier Wochen nach Ägypten. Tauchen. Macht er zweimal im Jahr. Seit 1974. Immer das gleiche Hotel. Er und seine Frau. Ich frag ihn, ob er mal Lehrer war, vor seiner Pensionierung. So viel Kohle und Zeit hat doch sonst kein Mensch. Er grinst. Jo, ab mit dir.

Eine Frau kippt mir ein Kilo Kupfergeld aufs Band und fragt, ob ich Kleingeld brauche.

Ein Rudel junger Soldaten/innen kommt in den Laden und kauft Kippen und Alk. Der eine zahlt mit der EC-Karte und pfriemelt einen Kulli aus seiner Uniform, meinen will er nicht. Ich sag ihm, dass ich mir seinen Namen gemerkt habe, falls das Zaubertinte sei und seine Unterschrift nachher verschwindet. Verschwände? Egal. Er erklärt mir todernst, dass sein Kugelschreiber selbstverständlich dokumentenecht sei und ein guter Soldat immer einen Kugelschreiber dabei habe. Ich fühle mich gut verteidigt und komm, hör mir uff, ich hab eh den geilsten.

Ein Mädchen fragt mich, ob das da eben Soldaten waren. Ich nicke. Sie erklärt mir, dass das nicht sein kann, weil Frauen da gar nicht mitmachen dürfen. Doch, Kind, sie dürfen. Sie glaubt mir nicht. Ihre Mutter steht apathisch daneben und bezahlt roboterhaft. Diese verdammten Ferien sind die Hölle. 

Ich erkläre einer Frau, dass ich zwar keine emotionale Bindung zu Bier verspüre, ich mir aber trotzdem ganz, ganz sicher bin, dass sie Pils auf dem Wagen hat. Sie glaubt mir und wir lästern ein wenig über Männer, die ihre Frauen zum Bier holen schicken.

Ich erzähle meiner Kollegin, dass ich ne neue Kuchengabel habe. Juckt sie auch nicht.

Ein mit Farbe besprenkelter Mann steht vor mir. Perfekt. Ich hab ne Frage, er antwortet fachmännisch, wär das also auch geklärt. Scheiße. Ich hab ein Latexfarbenwandproblem. Kriegen wir hin.

Ein Herr erklärt mir, dass er mein Namensschild beneidet. Weil es an so einer schöner Stelle sein und so weich liegen darf. Kohlenhydrate, erklär ich ihm. Massig Kohlenhydrate. Ob ich im Urlaub war, fragt er mich. Er habe mich vermisst. Ich antworte ihm, dass, wer die Sehnsucht nicht kennt, nicht weiß was Liebe ist. Er nickt.

Meine Kollegin jammert, weil die Leute heute so redselig sind. Juckt mich nicht.

So. Fertig. 

Donnerstag, 18. August 2016

ja





Monsieur Henri: "Ab vierzig ist jeder selbst für sein Aussehen verantwortlich."

Mittwoch, 17. August 2016

Hab keine Angst


"Weißt du, ich hab mir in meinem Leben immer wieder mal Hürden aufgestellt die ich nicht überspringe."

"Wie meinst du das?"

"Zum Beispiel habe ich nie mit dem Rauchen angefangen. Weil, vielleicht würde es mir ja gefallen. Und dann? Nein."

"Interessant."

"Und als meine Kameraden damals mit LSD anfingen, habe ich auch abgelehnt. Ich bin nie über diese aufgestellte Hürde gesprungen. Vielleicht gefällt es mir ja, habe ich ihnen erklärt. Also hab ich es sein lassen."

"Du bist ein schlauer Kerl."

"Nur…."

"Ja?"

"Wenn ich Stress oder Ärger im Büro habe, dann…. ich kann dann oft nicht anders und esse ein Stück Schokolade. Obwohl ich es eigentlich nicht will! Geht nicht, ich komme nicht gegen an. Irgendwie pack ich das nicht."

"Aha."

"Du grinst."

"Nein, ich grinse nie."

"Doch, du grinst."

"Niemals."

"Los, leg dich hin."

"Na gut."


Dienstag, 21. Juni 2016

das Leben


Soll ich was sagen? Ich fand das so nett! Soll ich es ihr erzählen? Sie guckt immer so mürrisch, hm. Ach, was soll´s! Vielleicht lächelt sie ja mal zur Abwechslung. 

"Sie, letzte Woche war Ihr Mann an meiner Kasse. Er hat was sehr Schönes über Sie gesagt. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir drauf gekommen sind…. jedenfalls hat er gesagt, dass Sie einen Orden verdient haben und eine wirklich gute Seele sind."

Sie erstarrt.

Dann steigen ihr Tränen in die Augen.

Na super, denk ich. Fehler. Bestimmt ist er gestern gestorben oder so. Aber sie trägt kein schwarz, ich bin irritiert. 

"Das wird mir immer wieder zugetragen. Dass er gut über mich spricht, kein böses Wort. Und daheim…."

Jetzt bin ich dran mit Erstarren.

"Er ist sehr ausfallend, schreit viel und beleidigt mich. Jedes Jahr wird schlimmer."

"Wie lange sind sie schon verheiratet?"

"Fast vierzig Jahre."


Ich erzähle es später meiner Kollegin.

"Siehste", sagt sie, "es geht auch anderen Frauen so wie mir."


Ist doch scheisse.


Montag, 13. Juni 2016

hätt ja sein können


Ich hab heut die erste Kippenschachtel mit Gruselfoto verkauft.

"Und?", frag ich. "Wirkt´s schon?"

Gelächter.

Dienstag, 31. Mai 2016

Grundgütiger


"Ich weiß jetzt auch nicht, wer Vertretung macht…. hm. Es würde Ihnen doch nichts ausmachen kurz aufzupassen, oder?"

"Äääääh…."

"Prima!"

Die Tür schließt sich.

Ich transpiriere und überlege. Mathe? Super Idee! Ich lass die Kinder einfach ein paar Aufgaben an der Tafel lösen! Perfekt.

Hm. Wie lange würde es wohl dauern bis sie mich enttarnen und herausfinden, dass ich nix kann? Ich verwerfe die Idee.

Sophia muss aufs Klo, teilt sie mir mit. Ich nicke. Zwei andere Mädchen müssen plötzlich auch. Na gut.

Ich könnte Galgenmännchen mit ihnen spielen! Grandios, das bekomm ich hin. Ich suche Kreide.

Ein Junge mit dicken Brillengläsern kommt auf mich zu, streckt mir ein Buch entgegen und fragt, wann er es in der Schulbücherei abgegeben kann. Keine Ahnung. Es kruschtelt links und rechts und hinten und vorne und ganz viele Bücher werden mir entgegen gestreckt. Stimmengewirr. Ich will heim.

Es klopft, ein Kopf lugt ins Zimmer. "Kommt gleich jemand! Gleich." 

Ich suche immer noch die Kreide.

Ein Junge mit Gel in den Haaren berichtet mir, dass er vier Zecken am Sack hatte. Er fasst sich mit leidvollem Gesichtsausdruck in den Schritt, ich gucke mitleidig und tätschle ihm den Kopf. Er lächelt.

Kreide. Hab sie gefunden.

Justus fällt geräuschvoll vom Stuhl und reißt seinen Ranzen mit um. Der Inhalt rollt über den Fußboden. Die Jungs applaudieren, Justus grinst und die Mädchen verdrehen die Augen. Ach Mensch, ich hab doch heut frei! Und Gel an der rechten Hand.

Die Tür geht auf. Eine ältere Dame, vielleicht sieht sie auch nur alt aus, gut möglich, entschuldigt sich und schildert mir von ihrer Orientierungslosigkeit und den vielen Fluren und veränderten Plänen und überhaupt.
Sie kommt auf mich zu und streckt mir ihre Hand entgegen. Was soll ich machen, ist halt so Brauch. Sie bedankt sich, wir schütteln Hände, sie guckt komisch, ich wünsche ihr noch viel Spaß und komm, geh mir fort. Nix wie heim.


Montag, 30. Mai 2016

lädt


Das Kassenband sieht aus wie Sau. Unter der Tastatur, dem Bondrucker, der Handscanner, schlimm. Hinter dem Utensilienkörbchen flockt der Staub. Ich kann so nicht arbeiten. Ich will so nicht arbeiten. Ich darf so eigentlich  auch nicht arbeiten. Kassiererinnenanweisung. Drauf geschissen, juckt keinen Menschen. Zwei Wochen Urlaub hinterlassen Spuren. Was soll´s, mach ich´s halt.

Ich überprüfe, ob die Angebote richtig in die EDV eingepflegt wurden. Montagsaufgabe. Ich kopiere und verteile anschließend die aktuellen Angebote an meiner und den anderen Kassen. Damit die nachkommenden Kolleginnen problemlos starten können.

Ich bin freundlich, grüße und wünsche jedem einen schönen Tag. Ich muntere Griesgrame auf, scherze mit Stammkunden und bin stets kundenorientiert. Den zu unterschreibenden EC-Beleg lege ich im richtigen Winkel aufs Band. Ich achte zuvor darauf, ob der Kunde Links- oder Rechtshänder ist. Ich reiche ihm den Kugelschreiber perfekt ausgerichtet. Ich erinnere an Rabattaktionen und frage nach der Kundenkarte. Ich interagiere mit Kindern und halte, wie auch mit Erwachsenen, stets Blickkontakt.

Ich erkundige mich, bei wenig Betrieb, nach dem jeweiligen Befinden der anwesenden Kollegen. Ich halte mich aus Tratschereien raus und vermeide Gespräche in Sachen Flüchtlingsthematik. Meine Meinung habe ich kundgetan, nicht jeder kann mich leiden, es widert mich an, ich hasse Menschen.

Ich ermuntere passionierte aber verunsicherte Kleingeldkruschtler zum Kruschteln und zwinkere den nachfolgenden Ächzern und Augenverdrehern beschwichtigend zu. Ich mache Komplimente und informiere dezent über offene Hosenställe oder Lippenstift auf den Zähnen.
Ich telefoniere mit diversen Abteilungen und beantworte Kundenfragen. Arschlöcher schicke ich direkt an die Info.
Ich tippe und scanne und tippe und scanne und tippe und  scanne und irgendwann hab ich Feierabend.

Und dann steige ich in mein Batmobil und fahr heim. 

Montag, 23. Mai 2016

Sonntag, 22. Mai 2016

wenn ich du wär´, wär´ ich lieber ich - trotzdem


Na super. Was mach ich jetzt? Ich kann so tun, als hätte ich sie nicht bemerkt.

Würden sie nicht glauben.

Andererseits, es sind Männer. Juckt die vermutlich gar nicht. Ich überlege, ob ich ein Foto davon machen und dem Chef schicken soll. Entschuldigung, ich kann nicht, hab `ne Phobie, könnten Sie vielleicht?

Hm.

Drauftreten ist keine Option, ich liebe Schuhe. 

Vorne an der Tür hockt auch eine. Schon seit ein paar Wochen. `Ne kleine. Die sieht man so gut wie gar nicht. Die hier schon.

Mein alter Chef fällt mir ein. "Alex, was würdest du tun, wenn ich jetzt gerade nicht da wäre und du mich nicht fragen könntest? Such nach einer Lösung und entscheide!"

Ich hasse Entscheiden. Meinen ehemaligen Chef auch. Na, ein bisschen. Wird besser mit den Jahren. 

Aber ich mache den ganzen Tag ja eigentlich nichts anderes.

Also steige ich halt in den Fahrstuhl, fahre nach oben, hole den Staubsauger, fahre wieder nach unten, Stecker rein und Vollgas.

Weg ist sie, hat tatsächlich ins Rohr gepasst, da schau an, die Ecke sieht super aus, ich geh gleich mal noch nach vorne, an die Tür, Pech gehabt, ich bin grad in Stimmung, weg ist auch die, prima, ich bin zufrieden.

Das bin ich hinterher nahezu immer. Entscheiden, umsetzen, zufrieden.

Hab mir gedacht, ich schreib das mal auf. Damit ich es nicht vergesse.

Manchmal wünschte ich, ich hätt´ `ne Kröte zum dran lecken. 

Sonntag, 15. Mai 2016

7x7


"Du arbeitest also in einer Großbäckerei? Das ist ja interessant."

"In einer zertifizierten!"

"Wunderbar. Ich wollte nämlich immer schon mal jemanden etwas fragen, der in einer Großbäckerei arbeitet."

"Was denn?"

"Rennen da nicht überall furchtbar viele Mäuse rum, bei dem vielen Mehl?"

"Ja schon…. aber wir haben das im Griff. Sind halt klein, die Viecher. Passen unter jeden Schrank, unter jede Maschine, die verkriechen sich. Aber wir haben das im Griff."

"Das freut mich."

"Und Kakerlaken haben wir im Moment auch nicht so arg viele."