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Sonntag, 19. November 2017

haarscharf


"Hat das eigentlich geklappt, mit deiner Praxisstelle bei den Waldörfern?"

"Da hatte ich echt richtiges Glück!"

"Das freut mich! Und ich bin echt mal gespannt, was du berichten wirst!"

"Meine Klassenkameradin hat mir am Freitag gesagt, dass dann aber Essig ist, mit Nägel lackieren."

"Oh."

"Beinahe hätte ich die Bewerbung abgeschickt."

"Ach Alex."

"War knapp, ich weiß."

Montag, 16. Oktober 2017

EBG


"Wenn ein Mensch nicht in der Lage ist sich in andere hineinzuversetzen, also im Laufe seines Lebens keine Empathie entwickeln konnte, dem es nicht gelingt sich selbst, bzw. sein Tun, zu hinterfragen, zu reflektieren, der sich prinzipiell nie entschuldigt, sondern stets sein Handeln verteidigt, sich rechtfertigt, sich nie selbst in Frage stellt, dann ist er entweder ein Psychopath, weil er es einfach nicht kann oder: besitzt er theoretisch diese Fähigkeiten, traut sich aber nicht sie anzuwenden, hat er ein wirklich geringes Selbstbewusstsein. Er wäre für diesen Beruf jedenfalls völlig ungeeignet und…. Alexandra, möchten Sie sich denn keine Notizen machen?"

"Weiß ich doch längst, Hase."

Hab ich natürlich so nicht gesagt.

Nur gedacht.

So ein Süßer.

Sonntag, 15. Oktober 2017

rum, mit dem Ruder


"Alexandra, hast du mal kurz Zeit?"

"Klar."

"Hier, das ist meine Mutter! Könntest du ihr bitte sagen, dass man auch in eurem Alter noch mal ne Ausbildung beginnen kann?"

Eine meiner liebsten Klassenkameradinnen. 


"Eine der vier besten Entscheidungen meines Lebens, echt wahr."

Samstag, 7. Oktober 2017

kann man so sagen


"Du, sag mal…."

"Hm?"

"Bist du neuerdings Linkshänder?"

"Ich bin Virtuose."

Donnerstag, 5. Oktober 2017

sehr süß


"Du, Alexandra….."

"Hm?"

"Darf ich dich mal was fragen? Weil du doch schon so viel, äh, Lebenserfahrung hast."

"Klar."

"Ich hab da gestern mit einem Kerl rumgeknutscht…."

"War gut?"

Sie strahlt.

"Wie bekomme ich jetzt heraus, ob er was von mir will?"



Geh mir fort, ich wollt nimmer 18 sein. Im Leben nicht.


Mittwoch, 4. Oktober 2017

na, dann wolln wir mal


Im Foyer sitzen sie, ich kann sie durch die Scheiben der Türen sehen. Die meisten von ihnen sehen auf den ersten Blick gleich aus. 

Mit dem Eisen geglättete lange Haare, viel zu viel Make Up, zerrissene Jeans, Knöchel frei, Sneakers, Smartphone am Start.

Ich betätige den Schalter neben der Eingangstür, sie öffnet sich vollautomatisch. Schick.

Ein paar heben neugierig den Blick, um ihn gleich darauf  gelangweilt wieder zu senken. Keiner wünscht mir einen guten Morgen.

Ich schmunzle. 

Mittlerweile haben sie bemerkt, dass ich keine Lehrerin bin. 

Vor zwei Wochen haben die mich noch alle gegrüßt!

Saubande.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Schatz, hast du abgeschlossen?


Ich nehme mir ein Glas Sekt.

Und stelle mich zu meinen Kolleginnen.

Meine Kolleginnen.

Wir erzählen und lachen und trinken.

Am Nebentisch steht meine Chefin. Ein Witz. Mega unprofessionell.

Jedem ist klar, nur eine Nummer zu sein. Und trotzdem war ich wirklich überrascht wie weh es tut, wenn man es plötzlich auch fühlt und nicht nur ahnt.

Me, myself and I.

Pffff…. Schwamm drüber.

Dann läuft mir Tanja über den Weg.

"Oh Gott, Alex, wie schön dich zu sehen! Letztens hat mir jemand erzählt, du hast gekündigt?" Sie lacht.

"Wär ich dann heute hier?", frag ich. Sie lacht abermals und schüttelt den Kopf.

Dann hol ich mir was vom Buffett.

Der Personaler nickt mir zu, ich lächle ihn an, er grinst.

Die Band spielt, einige wenige tanzen.

Frank tanzt super. Ich glaub, dass er schwul ist. Hat der ein Glück, dass er nicht in Ägypten schwul ist.

Das Tiramisu ist sehr lecker.

Ich stell mich in die Raucherecke.

In Raucherecken geht es einfach immer am lustigsten zu.

Ich erzähle nicht, dass ich heute Mittag gelesen habe, dass einem Typen in Amerika das Akku seiner E-Zigarette um den Sack geflogen ist.

Tina erzählt mir, hm, ich hab noch nie Namen in meinen Posts verwendet. Das macht man eigentlich nicht. Ein Zeichen von Wertschätzung und Zuneigung, so deute ich das gerade, ich schreib ja nix schlimmes, kommt eh nicht wieder vor. Sie erzählt mir von ihrem neuen Freund. Er ist zehn Jahre jünger als sie. Das macht ihr einen Kopp. Ich lächle. "Nimm es mit und genieße", sag ich ihr.

Dann will ich heim. Es ist spät. Aber eigentlich will ich noch bleiben.

Jens nähert sich. Er hat ne zusammengeknüllte Serviette in seinen Händen. "Guck mal", sagt er und öffnet achtsam das Zellstoffknäul. Ganz behände und sehr elegant, Bein für Bein, bahnt sich ein riesiges Spinnentier den Weg nach draussen. "Hab ich gerettet, ich bring sie raus."

So ein Guter.

Dann geh ich heim.

Ich nehme ein Küchenmesser, schneide die Banderole an meinem Handgelenk ab und aus.




Am Mittwoch schreiben wir Deutsch. Hab noch gar nicht gelernt. Mist. 

Freitag, 15. September 2017

ist ne enge Straße


Der Wecker klingelt. Morgen hast du frei, denk ich. Schon wieder.

Ein Wichser in seinem scheiß SUV fährt, viel zu mittig, ich kann gar nicht ausweichen, bin ja schon ganz an der Bordsteinkante, die haben der Menschheit noch gefehlt, auf mich zu, schießt links an mir vorbei und reißt mir beinahe den Außenspiegel ab. Vielleicht tu ich ihm unrecht, denk ich mir, fluch nicht immer, beim Autofahren, vielleicht hat er es einfach mega eilig, aus irgendeinem mega wichtigen Grund, vielleicht sollte ich achtgeben, dass in meinem Kopf nicht Vorbehalte zu Manifesten werden.

Ich sitze meiner Englischlehrerin gegenüber und stelle fest, dass ich Angst habe. Ich denke darüber nach, dass ich schon fünfundzwanzig Jahre keine Vokabeln mehr gelernt und das nicht vermisst habe.

Eine Wichserin in ihrem scheiß SUV fährt, viel zu mittig, ich kann gar nicht ausweichen, bin ja schon wieder ganz an der, komm, sieht den keiner diesen kleinen Panda, verdammt nochmal? Vergiss es, denk ich, der Untergang ist eh nicht aufzuhalten, was solls.

An der Kasse sitzt eine Frau, ich lege mein Mittagessen aufs Band, beobachte sie, piep, piep, piep…. das macht dann Neunzehneurosiebenundachzig und jo, denk ich, Vokabeln, also das krieg ich hin. 

Mittwoch, 6. September 2017

Hallo Hase


"Kann ich Ihnen helfen?"

Fehler. Lernt man gleich im ersten Lehrjahr. WIE kann ich Ihnen helfen? Nicht KANN. Egal.

"Meine Enkelin hat morgen Geburtstag und heute bekommt sie ein Kaninchen! Sie hat es sich schon heraus gesucht. Das da!"

Stille. Dumpf blickt der Verkäufer in Richtung der älteren Dame. Sie lächelt erwartungsvoll.

Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, ungepflegter Wildwuchs im Gesicht und ich hoffe, dass das Gel ist, in seinen Haaren.

Die Dame ist dezent geschminkt, ein eng anliegender knielanger Rock in einem dunklen Grün, farblich wunderbar (Ich hör neuerdings Hörbücher. Und mir ist aufgefallen, wie detailliert da die Protagonisten immer beschrieben werden. Toll. Ich mach das jetzt auch, hab ich mir überlegt.) abgestimmt zu der khakifarbenen, hm, ich glaub, das war ne Bluse. Vielleicht auch ne Weste. War ja schon vorgestern, als ich in der Tierhandlung war. Ihre Schuhe hab ich mir auch nicht gemerkt, ich arbeite dran.

"Und jetzt?" fragt die Frau, "Haben Sie einen Karton oder so? Wir hätten auch einen im Kofferraum, soll ich den mal holen?"

Eins Mississippi.

Zwei Mississippi.

Drei Mississippi.

"Okay", sagt der Verkäufer schließlich und steht wie ausgestopft und hingestellt der Dame gegenüber. Sie zupft irritiert an einer ihrer blondierten Haarsträhnen und verlässt dann die Kaninchenabteilung, um den Karton aus dem Wagen zu holen.

"Entschuldigen Sie", sag ich. Er dreht sich zu mir um und sieht mich fragend an. Ich lächle. 

"Sagen Sie mal, eigentlich geht es mich ja nichts an, aber: werden Sie die Dame noch darüber aufklären, dass man Kaninchen nicht als Einzeltiere halten darf?"

Eins Mississippi. Zwei Mississippi. In Zeitlupe beginnt er mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand am Kragen seines grünen tannengrünen Kittels herumzuzuppeln. Drei Mississippi. Ich spüre Nervosität. Empathisch. Ich. 

"Doch, doch, natürlich! Äh, nachher, während des Verkaufsgesprächs natürlich!"

"Aha", sag ich, "hat mich interessiert, wie Sie das handhaben."

Ich spüre Unruhe.

Die Dame stellt den Karton vor die Füße des Verkäufers. Das Enkelkind hüpft vorfreudig auf und ab, ihre blonden glatten Haare fliegen ungestüm, ach Gott, was ist das anstrengend, auf und ab. Ach nee, auf und ab hatten wir ja eben schon mal. Hm.

"Aber, also, Sie dürfen aber, das steht auch so im Tierschutzgesetz, Sie müssen eigentlich zwei Kaninchen nehmen!", prescht der junge Mann vor, plötzlich erwacht. Mit winselndem Blick schielt er zu mir herüber, ich nicke anerkennend.

Das Kind jubelt, die Oma stemmt die Hände in die Hüften: "Wir werden erstmal nur eins nehmen. Und dann, demnächst, holen wir das zweite", erwidert sie resolut.
Es kommt mir so vor, als verkrampfe sich ihr Körper gerade ein wenig.

Ich räuspere mich.

"Nein, nein, das geht nicht. Sie müssen schon jetzt gleich zwei nehmen. In einer Woche kann sein, dass es schon zu spät ist und sich die Kaninchen dann nicht mehr vertragen, sich beißen, dann getrennt werden müssen und äh, das wär schlecht."

Das Kind hüpft noch freudiger und stimmt ein: "Bitte, bitte, ach büüüüütte, Oma", an.

Verkrampft. Eindeutig.

Hach ja.

Ich hab dann meinen braun-schwarzen Jagdhund mit dem seidigen Fell, ein bisschen mopsig, meint der Tierarzt, mehr darfs nicht werden, sagt er, na gut, wieder aus der Kleintierabteilung gezogen. Hab ihn ja kaum mehr halten können. 

Die Kaninchen beruhigten sich zum Glück augenblicklich wieder, Frieden auf Erden.

Die haben vielleicht immer einen Stress, wenn da ein Hund steht…. na ja, Spaß muss sein.