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Mittwoch, 21. September 2016

Kreis. Und zu ist auch der.


"Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit….", brummelt er in seinen Bart. Blick auf das Kippenregal. 

"Haben Sie mal geraucht?", frag ich ihn.

An der Kasse anstehen nervt. So fühlt sich verlorene Lebenszeit an. Dabei ist das Mumpitz, na, egal. Jedenfalls perfekt für ein Pläuschchen unter Schlangestehern. Dann lebt es sich zeitlos unverlorener. Hin und wieder bin ich Kunde.

Er nickt. "Über dreissig Jahre. Kette. Dann bin ich irgendwann zum Arzt, hab keine Luft mehr bekommen. Ich bin also aus dem Haus, zum Arzt und erst acht Wochen später wieder heimgekommen. Operation, Intensivstation. War knapp. Kennen Sie dieses hellblaue Büchlein? Das von diesem Carr?"

"Nein, aber den Frädrich kenne ich."

"Ich hab das siebenundvierzig mal angefangen zu lesen. Nie zu Ende. In der Reha hab ich mich dann endlich getraut die letzten zehn Seiten auch noch zu lesen. Und nie wieder eine angefasst."

"Schön."

"Menschen sind dumm."

"Ja. Oh, Sie sind ja schon dran, mit Bezahlen."

"Das ging ja fix."

Freitag, 16. September 2016

herrlich


"Guten Morgen! Sagen Sie, wo sind Ihre….", nee, das geht so nicht.

"Entschuldigen Sie, ich kann Ihre….", auch doof.

Wie fang ich an?

"Sagen Sie mal, haben Sie Ihre….", Kinners, Kinners…. gar nicht so einfach. 

Ich hasse diese  andauernde Umräumerei! Oh, ein Wortspiel.

Aber, hilft ja nix:

"Guten Morgen. Das mag jetzt vielleicht ein wenig anzüglich klingen, aber…."

"Ja, bitte?"

"Haben Sie Eier? Und falls ja: Wo haben Sie die denn versteckt?"

Er grinst.

"Da vorne, im Regal…. seien Sie bitte zärtlich."


Männer im Niedriglohnsektor können eine Bereicherung sein.

Donnerstag, 15. September 2016

jo mei


"Zum Glück sind Sie da! Ihre Kollegin an der anderen Kasse lächelt nie, zahl ich lieber bei Ihnen."

"Sie ist aber total nett."

"Das sieht man ihr aber nicht an."

"Sie ist halt introvertiert. Und noch jung. Introvertiert und jung sein ist nicht einfach, geben Sie ihr noch zehn, zwanzig Jahre. Dann lächelt sie auch nach aussen."

"Sind Sie sich sicher?"

Ich lächle.

Sonntag, 4. September 2016

frechheit


Kommt ein Kunde an Kasse 2, guckt sich die Schlange an Kasse 3 an, hält inne und sagt: "Ey, warum stehen die alle da drüben? Und hier ist gar keiner?"

Sagt die Frau von Kasse 2: "An Kasse 3 sitzt die schönere Kassiererin."

Schweigen.

Sagt die Frau von Kasse 2: "Hey, Sie müssen jetzt was charmantes zu mir sagen!"

Schweigen.

Sagt die Frau von Kasse 2: "Ich hör ja gar nix!"

"Ähhhh…."


Früher war alles besser.


Samstag, 3. September 2016

schön


"Ich will dir was erzählen. Vor zwei oder drei Jahren habe ich ein Rhetorik-Seminar besucht. Ich wusste nämlich, dass ich diesen Satz kenne! Also habe ich die Unterlagen vor ein paar Wochen noch mal rausgesucht! Pass auf! Wenn du vor einer Menge Menschen eine Rede halten musst, eine überzeugende. Du keinen Plan hast, aber die Zuhörer für dich gewinnen willst und du sie davon überzeugen möchtest, dass du sehr wohl Herr der Lage bist und natürlich einen Plan in der Tasche hast…. was sagst du dann?"

"Was sag ich dann?"

"Du stellst dich selbstsicher hin und sagst: Wir schaffen das! Und die Menge glaubt an dich, so geht's. Ich könnt kotzen! Aus einem Rhetorik-Seminar! Keinen Plan! Unglaublich!"

"Magst du eigentlich Ahornsirup?"

"Selbstverständlich."

Mittwoch, 31. August 2016

blitzschnell und fesch


Ich setz mich an die Kasse und guck mir meine Nägel an. Schlimm. Ich muss heute sehr schnell tippen, das steht fest. Dann fällt es nicht auf, dass an manchen Stellen der Lack splittert. Flash. 

Vor mir steht ein Stinker. Ich will ihn gerne fragen, warum er nicht duscht. Oder seine Kleider wechselt. Ob er das nicht eklig findet. Ob er denn nicht merkt, wie er stinkt.
Ich seh schon, das wird ein sehr spannender Post.

Eine älteres Paar kommt an meine Kasse. Ich mach der Dame ein Kompliment. Super Oberteil. Das fällt unglaublich gut. Und sie hat alles schön in die richtige Position gezurrt, wunderbares Dekolleté. Ihr Mann merkt empört an, dass er ja wohl auch schick ist, heute, und ich das ruhig auch würdigen kann. Er hat ein rosa Hemd an, was soll ich sagen. Nix. Also lächle ich.

Ein Thorsten bezahlt bei mir. Mit h. Was der ohne wohl macht, frag ich mich. Hab ja die Kommentarfunktion stillgelegt. Hm. Schick mir ne Mail. Ich will ein Foto von dir: sattelklauer@yahoo.de

Ich erzähle meiner Kollegin, dass ich ne neue Lampe habe. Mit Kettenzuganknipskettendings. Wie in Schottland. Juckt sie nicht.
Wird immer länger, der Post.

Ein Italiener kommt in den Laden und spricht mich an. Ich verstehe ihn nicht. Er ist südländisch fröhlich und lacht und plappert und hüpft und ich will ihn schlagen. Mein Kollege kommt und rettet mich. Der kann nicht nur türkisch, sondern auch noch ein bisschen italienisch. Super Typ.

Ein Mann erklärt mir…. war heute nur ne Fünfstundenschicht, kann also nicht mehr lang gehen. Er erklärt mir, dass ich ihn jetzt ein paar Wochen nicht sehen werde. Ach, sag ich. Er fliegt jetzt nämlich vier Wochen nach Ägypten. Tauchen. Macht er zweimal im Jahr. Seit 1974. Immer das gleiche Hotel. Er und seine Frau. Ich frag ihn, ob er mal Lehrer war, vor seiner Pensionierung. So viel Kohle und Zeit hat doch sonst kein Mensch. Er grinst. Jo, ab mit dir.

Eine Frau kippt mir ein Kilo Kupfergeld aufs Band und fragt, ob ich Kleingeld brauche.

Ein Rudel junger Soldaten/innen kommt in den Laden und kauft Kippen und Alk. Der eine zahlt mit der EC-Karte und pfriemelt einen Kulli aus seiner Uniform, meinen will er nicht. Ich sag ihm, dass ich mir seinen Namen gemerkt habe, falls das Zaubertinte ist und seine Unterschrift nachher verschwindet. Verschwände? Egal. Er erklärt mir todernst, dass sein Kugelschreiber selbstverständlich dokumentenecht ist und ein guter Soldat immer einen Kugelschreiber dabei hat. Ich fühle mich gut verteidigt und komm, hör mir uff, ich hab eh den geilsten.

Ein Mädchen fragt mich, ob das da eben Soldaten waren. Ich nicke. Sie erklärt mir, dass das nicht sein kann, weil Frauen da gar nicht mitmachen dürfen. Doch, Kind, sie dürfen. Sie glaubt mir nicht. Ihre Mutter steht apathisch daneben und bezahlt roboterhaft. Diese verdammten Ferien sind die Hölle. 

Ich erkläre einer Frau, dass ich zwar keine emotionale Bindung zu Bier verspüre, ich mir aber trotzdem ganz, ganz sicher bin, dass sie Pils auf dem Wagen hat. Sie glaubt mir und wir lästern ein wenig über Männer, die ihre Frauen zum Bier holen schicken.

Ich erzähle meiner Kollegin, dass ich ne neue Kuchengabel habe. Juckt sie auch nicht.

Ein mit Farbe besprenkelter Mann steht vor mir. Perfekt. Ich hab ne Frage, er antwortet fachmännisch, wär das also auch geklärt. Scheiße. Ich hab ein Latexfarbenwandproblem. Kriegen wir hin.

Ein Herr erklärt mir, dass er mein Namensschild beneidet. Weil es an so einer schöner Stelle sein und so weich liegen darf. Kohlenhydrate, erklär ich ihm. Massig Kohlenhydrate. Ob ich im Urlaub war, fragt er mich. Er habe mich vermisst. Ich antworte ihm, dass, wer die Sehnsucht nicht kennt, nicht weiß was Liebe ist. Er nickt.

Meine Kollegin jammert, weil die Leute heute so redselig sind. Juckt mich nicht.

So. Fertig. 

Donnerstag, 18. August 2016

ja





Monsieur Henri: "Ab vierzig ist jeder selbst für sein Aussehen verantwortlich."

Mittwoch, 17. August 2016

Hab keine Angst


"Weißt du, ich hab mir in meinem Leben immer wieder mal Hürden aufgestellt die ich nicht überspringe."

"Wie meinst du das?"

"Zum Beispiel habe ich nie mit dem Rauchen angefangen. Weil, vielleicht würde es mir ja gefallen. Und dann? Nein."

"Interessant."

"Und als meine Kameraden damals mit LSD anfingen, habe ich auch abgelehnt. Ich bin nie über diese aufgestellte Hürde gesprungen. Vielleicht gefällt es mir ja, habe ich ihnen erklärt. Also hab ich es sein lassen."

"Du bist ein schlauer Kerl."

"Nur…."

"Ja?"

"Wenn ich Stress oder Ärger im Büro habe, dann…. ich kann dann oft nicht anders und esse ein Stück Schokolade. Obwohl ich es eigentlich nicht will! Geht nicht, ich komme nicht gegen an. Irgendwie pack ich das nicht."

"Aha."

"Du grinst."

"Nein, ich grinse nie."

"Doch, du grinst."

"Niemals."

"Los, leg dich hin."

"Na gut."


Dienstag, 21. Juni 2016

das Leben


Soll ich was sagen? Ich fand das so nett! Soll ich es ihr erzählen? Sie guckt immer so mürrisch, hm. Ach, was soll´s! Vielleicht lächelt sie ja mal zur Abwechslung. 

"Sie, letzte Woche war Ihr Mann an meiner Kasse. Er hat was sehr Schönes über Sie gesagt. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir drauf gekommen sind…. jedenfalls hat er gesagt, dass Sie einen Orden verdient haben und eine wirklich gute Seele sind."

Sie erstarrt.

Dann steigen ihr Tränen in die Augen.

Na super, denk ich. Fehler. Bestimmt ist er gestern gestorben oder so. Aber sie trägt kein schwarz, ich bin irritiert. 

"Das wird mir immer wieder zugetragen. Dass er gut über mich spricht, kein böses Wort. Und daheim…."

Jetzt bin ich dran mit Erstarren.

"Er ist sehr ausfallend, schreit viel und beleidigt mich. Jedes Jahr wird schlimmer."

"Wie lange sind sie schon verheiratet?"

"Fast vierzig Jahre."


Ich erzähle es später meiner Kollegin.

"Siehste", sagt sie, "es geht auch anderen Frauen so wie mir."


Ist doch scheisse.


Montag, 13. Juni 2016

hätt ja sein können


Ich hab heut die erste Kippenschachtel mit Gruselfoto verkauft.

"Und?", frag ich. "Wirkt´s schon?"

Gelächter.